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Am 9. Mai 2016 veranstalteten die Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) Brauereikultur und Antirassismus in Zusammenarbeit mit Thomas Lutze (MdB, DIE LINKE) in dessen Regionalbüro N11 in der Nauwieserstraße 11, Saarbrücken, die Kooperationsveranstaltung „Die dunklen Zeiten des Brauereiwesens an der Saar – 1938-45“. Der Vortragende war Dr. Andreas Neumann, der Mitglied im geschäftsführenden Landesvorstand der Saar-Linken und Mitglied beider LAGs ist. Von der LAG Antrirassimus konnten die beiden Hauptsprecher*innen des Sprecher*innenrates Petra und Norbert Henning begrüßt werden.

Begonnen wurde mit der Begrüßung durch Thomas Lutze, der als Schirmherr der Kooperationsveranstaltung auf das saarländische Brauereiwesen, vergangene Veranstaltungen und die Notwendigkeit auch teils unbewussten Rassismus stärker zu reflektieren und einzustellen, einging.

Die dunklen Zeiten des Brauereiwesens an der Saar – 1938-45

Im Vortrag wurden zwei primäre Themenstränge verfolgt. Einmal die rassistische Motiv- und Sprachwahl in der Brauereiwerbung und zum anderen der erkennbare Antijudaismus der Jahre 1938-45. Beide Stränge verband der Vortragende durch die Ausführung der Schicksale der jüdischen Aktiengesellschaftsmitglieder bei Saarfürst, Eichbaum-Werger sowie am konkreten Beispiel des Geschäftsführers Dr. Kanter und vor allem an den kritisch zu betrachtenden Eheleuten Else und Dr. Otto Schmidt.

Begonnen wurde mit einer Analyse des eindeutig negativ konnotierten Begriffes „Neger“, wie er im „Walsheimer Neger“ sowie dem „Saarlouis Neger“ vorkommt. Denn der Begriff ist nicht die direkte Nominalisierung des lateinischen Begriffes ‚neger‘, sondern kam über Umwege des cordobageprägten Lateins, also des Spanischen, nach Deutschland. Und schon im 15 Jhd. war der Begriff eng mit der Ausbeutung des „Schwarzen Goldes“ Afrikas verbunden, der Sklaverei. Auch der Mohrenkopf, als Übersetzung des ‚Tête de Nègre‘, wird nicht dadurch unproblematischer, dass hier unreflektiert übersetzt wurde oder, dass Freunde des Vortragenden aus Kamerun, den Begriff mit einem breiten Grinsen selbst nutzen. Der Begriff Mohr kann ohne weiteres als rassistisch diskriminierender Begriff der Hamitentheorie verstanden werden. Es folgte eine Betrachtung der Darstellungen sowie ein kleiner Exkurs zum Sprachgebrauch im damaligen Umfeld - mit deutlichem Hinweis auf die Art der Niederschlagung des Hereroaufstandes: „hier wurden Menschen in die Wüste getrieben, damit sie dort elendig verreckten“. Aber auch mahnende Worte gefunden, dass man es mit der politischen Korrektheit nicht übertreiben sollte. „Man muss die Menschen dort abholen wo sie sind. Man muss in Gesprächen verständlich machen, warum z.B. bei der Pippi Langstrumpf unserer Generationen, Geschichten, die wir liebten, der Negerkönig aus der Südsee irgendwie bedenklich ist. Geht man so vor, verstehen die Menschen das, bekommen nicht das Gefühl, dass man ihnen etwas Vertrautes, ja etwas Liebgewonnenes einfach wegnimmt und es gibt dann auch keine Emotionswellen. Reden hilft immer Verständnis zu schaffen, zu sensibilisieren.“ Auch die Verwendung des Begriffes „Neger“ bei Mischgetränken, vor allem Colaweizen in Bayern und Österreich wurde behandelt. Hierbei wurde schon die Brücke zur späteren kritischen Betrachtung des „Saarlouiser Negers“ geschlagen. Denn Saarlouis, als Teil Preußens, kennt diesen Begriff, der im ehemals bayrischen Raum Neunkirchen-Homburg-Walsheim benutzt wurde, nicht. Hier wurde offensichtlich der Versuch unternommen neben den Kunden der Walsheimer Brauerei auch an der Marke zu profitieren. „Etwas Zynischeres als das in den Ruin treiben der Walsheimer Brauerei kann es fast nicht geben. Zuerst verbietet der Gauleiter die Widerherstellung der durch den Krieg zerstörten Bereiche 1939/40 und schließt 1942 die Brauerei mit Verweis auf die zerstörten Bereiche und die damit einhergehende wirtschaftliche Impotenz der Brauerei. Wahnsinn.“.

Die Darstellung des Verlaufes der drei Brauereien Saarfürst, Donnerbräu und Schlossbrauereien schaffte dabei einen geschichtlichen Rahmen, der verdeutlichte, dass gerade durch die jüdischen Investoren seit dem beginnenden 20. Jhd. Arbeitsplätze geschaffen wurde, saarländisches Bier weltweit vertrieben wurde (meist natürlich in die französischen Kolonien) und was die Gründe hierfür waren. Die Darstellung schaffte zudem die Grundlage, dass man die Person der Eheleute Schmidt besser einordnen kann. Dr. Otto Schmidt, Sohn der Inhaber der Neunkircher Schlossbrauerei, übernahm nach Enteignung der jüdischen Inhaber die Donnerbrauerei in Saarlouis. Nach seinem Tod bei einem Flugangriff in Frankfurt 1944, er wollte eigentlich als „unabkömmlich“ zu seiner Frau nach Wien, obwohl „die ‚kriegswichtigen‘ Produktionsstandorte in Saarlautern und Neunkirchen waren“, übernahm seine Ehefrau Else Schmidt-Klett die Leitung.

„Wie man einer Frau, die sämtlichen antijudaistischen Maßnahmen 1935-1939 hinnahm, die den ‚Saarlouiser Neger‘ maßgeblich mit zu verantworten hat, sich also an der mutwilligen Zerschlagung der Walsheimer Brauerei gesundstoßen wollte, die sich zu keinem Zeitpunkt bei den Überlebenden entschuldigt hat, eine Straßenbenennung auf dem Lisdorfer Berg gewähren kann, ist mir schleierhaft. Die Schmidt-Klett-Stiftung diente ausschließlich den deutschen Kriegsversehrten, für die Juden, durch die der Gewinn erst ermöglicht wurde, indem man diese ins Elend stürzte, wieder nichts. Kein Geld, keine Entschuldigung. […] Man sollte lieber die Straße nach Samuel Yeboah benennen. Nach aktueller Faktenlage ist kein rassistisch motivierter Hintergrund für den Brandanschlag auf die Wohnung feststellbar, Fakt ist, dass er hier gestorben ist und einige sehen es anders als die offiziellen Stellen. Aber selbst dann, wenn die offiziellen Stellen Recht haben sollten, ist mir ein Samuel Yeboah als Namenpate einer Straße deutlich lieber als diese Frau. Hat Saarlouis keine anderen Frauen mehr zu bieten, die man ehren könnte?“.

Bilder: Andrea Neumann