Er ist ein Verführer, ein Vollblutpolitiker. Vor zehn Jahren trat er zurück, nun will er wieder regieren: Oskar Lafontaine. Am 30. August wird im Saarland gewählt.
Vor zehn Jahren warf Oskar Lafontaine alle Macht einfach weg. Er trat zurück als SPD-Vorsitzender und Finanzminister, von heute auf morgen. Langsam nur kehrte er zurück. Zuerst als polemischer Kolumnist der «Bild-Zeitung». 2005 dann als Schwergewicht auf der politischen Bühne, als Führer der neuen Linkspartei. Im politischen Berlin ist er verhasst wie kein Zweiter. Und in seiner Heimat, im Saarland, wo er derzeit im Wahlkampf ist?
Als der CDU-Ministerpräsident Peter Müller zum Wahlkampftermin nach Rubenheim kommt, ergeht es ihm wie dem Hasen im Rennen gegen den Igel: Er ist zu spät. Zwar kommt das «29. Kleintiroler Weiherfest» gegen 17.30 Uhr erst langsam in Fahrt, aber Lafontaine war längst da, ist schon wieder zwei Termine weiter.
Dann gibts Freibier
So kommt es, dass als Erster Guido Welsch im Weg steht, als Müller aufmarschiert, um Hände zu schütteln und Freibier zu spendieren. Welsch, Bauunternehmer aus der Nachbarschaft, hat ein Polaroidbild in der Hand, das er Müller triumphierend unter die Nase hält. Es zeigt Welsch mit Lafontaine. Aufgenommen vor vier Stunden, mit Widmung von Lafontaine persönlich. «Das werfen Sie weg!», knurrt Müller. «Nichts da! Der Oskar bekommt einen Ehrenplatz!»
Das Saarland, Deutschlands kleinstes Bundesland, wählt am 30. August eine neue Landesregierung. Derzeit regiert Müllers CDU mit absoluter Mehrheit. Aber das wird kaum so bleiben. Stimmt die letzte Umfrage, dann gibt es derzeit im Saarland nicht einmal mehr eine Mehrheit für CDU und FDP gemeinsam. Die Linkspartei kommt auf Werte von 18 bis 23 Prozent. Das Saarland ist Lafontaine-Land. «Osgar», nennen sie ihn kurz und bündig. «Osgar! Osgar!» und «Zugabe!» skandiert das Publikum in der Fussgängerpassage der Hauptstadt Saarbrücken nach einer kleinen Rede Lafontaines. In Saarbrücken war Lafontaine neun Jahre Oberbürgermeister. Im Saarland war er 13 Jahre Ministerpräsident. Hier ist Lafontaine ein Promi, der sich einen Schönwetterwahlkampf leisten kann: Wenns regnet, bleibt er zu Hause. Kommt die Sonne, kommt auch Lafontaine. Mit wiegendem Gang, das rechte Bein etwas steif, schlendert er über Volksfeste, durch Kirmes-Zelte und Fussgängerpassagen. Die Leute bleiben stehen, gaffen: «Der Osgar!»
Er posiert für Polaroidfotos
«Der Osgar» geht nicht einfach vorbei. Er fasst die Leute an, posiert für gemeinsame Polaroidfotos. «Hightech aus den Siebzigern», grinst seine Mitarbeiterin. Polaroidfilme werden nicht mehr hergestellt, weshalb Lafontaines Büro alle verfügbaren Filme aufgekauft hat. Lächeln! Blitz, und mit einem Surren kommt das quadratische Foto raus. Lafontaine signiert mit Filzstift, übergibt das Werk: «In einer Minute sind die Farben schön.» Alte Damen bekommen rote Wangen, wenn der Oskar sie in den Arm nimmt. Ältere Männer empfangen die Aufnahme mit zittrigen Händen. Und alle erzählen anschliessend von früher und dass sie schon vor 20, 30 Jahren mal mit Lafontaine geredet hätten.
«Es geht um Sympathie. So werden Gespräche möglich», erklärt Lafontaine seine Art von Wahlkampf. Er habe das immer so gemacht. Wenn er eine Rede in einer Halle halte, dann kämen nur jene, die seine Argumente ohnehin schon kennen. Lieber tingelt er durch halb volle Festzelte und bringt Seniorinnen um den Verstand. Sogar ein CDU-Mitglied lässt sich fotografieren. Was er mit dem Foto macht? «Das ist für meine Frau, die hängt das dann an die Wand zu den Fotos mit den Enkelkindern.» Den Ehrenplatz hat der Oskar selbst im CDU-Haushalt gebucht.
Der Wahlkampf als Farce
An Festplätzen für Lafontaines Auftritte herrscht kein Mangel. Das Saarland ist voller Volksfeste dieser Tage. Das hat Tradition. Der frühere Ministerpräsident und Autor Reinhard Klimmt (SPD) erklärt die Festfreude der Saarländer mit dem Bergbau. Die Gruben haben das Land und die Menschen geprägt. Die Bergleute, die in den Stollen schufteten, den Tod immer im Nacken, wussten nach Schichtende das Leben umso ausgelassener zu geniessen. Im Saarland sind alle jederzeit bereit, noch auf ein Bier sitzen zu bleiben. Selten bleibt es bei einem Glas.
Klimmt ist zwar in Berlin geboren, aber der 67-Jährige hat sein Leben im Saarland verbracht. 1998 bis 1999 war er sogar Ministerpräsident. Politisch war seine Karriere eng mit der Lafontaines verbunden. Rund 45 Jahre ist es her, seit Lafontaine Klimmt im Bus zur Uni ansprach. Lafontaine schlug vor, gemeinsam den Juso-Verband in Saarbrücken aufzumischen: «Ich werde Vorsitzender und du mein Stellvertreter.» Die Formel hielt Jahrzehnte, Klimmt war der Mann, der Lafontaine den Rücken freihielt.
Schwarze Jeans, weisses Hemd
Wir treffen Klimmt in seinem Haus. Er trägt schwarze Jeans, weisses Hemd, sitzt im Dachgeschoss, inmitten von Büchern. Vor sich ein Band zur Sozialgeschichte des Mittelalters. Eigentlich bereitet Klimmt gerade eine Ausstellung afrikanischer Kunst in St. Petersburg vor. Er legt das Thema kurz beiseite, um das Saarland, die Politik und Lafontaine zu erklären.
«Politisch ist Lafontaine grosses Kaliber - aber ein problematischer Charakter», urteilt Klimmt. Er rede den Leuten nach dem Mund, verspreche das Gegenteil von dem, wofür er als Ministerpräsident eintrat. «Er verspricht den Rentnern, den Arbeitslosen, den Gewerkschaften, wir müssten nur die Reichen zwiebeln, dann werde alles gut.» Hartz IV, die Begrenzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld, habe Lafontaine als SPD-Vorsitzender gefordert. «Arbeitslose zu stupsen, ist auch völlig richtig; die Menschen einfach durchzufüttern, eine solche Forderung war nie sozialdemokratisch», erklärt Klimmt.
Wiederholung einer Farce
Dass Lafontaine fast 25 Jahre nach seinem ersten Triumph wieder einen CDU-Ministerpräsidenten ablösen will - für Klimmt ist die Wiederholung eine Farce. Lafontaine habe nach seiner Flucht aus der Verantwortung in Berlin einfach «seine Bedeutungslosigkeit nicht mehr ertragen». Also stieg er noch mal in den Ring und bedient nun geschickt die Erwartungen der Menschen. «Er tut das mit einer jahrzehntelangen Erfahrung, welche die meisten Politiker neben ihm wie Dilettanten aussehen lässt.» Trotzdem sei Lafontaine diesmal chancenlos. Er sei kein Hoffnungsträger, verkörpere keinen Neuanfang mehr.
Lafontaine ist ein Machtmensch, und wenn man Klimmt zuhört, dann bekommt man den Eindruck, dass er jemanden wie Klimmt als Aufpasser braucht, jemanden, der ihn bremst, wenn ihn die eigenen Worte wegtragen. In der Linkspartei fehlt so ein Korrektiv. Mehr noch: Lafontaine hat die Linkspartei derart instrumentalisiert, dass André Brie, Vordenker der Ost-Linken, vor einem «Lafontainismus» warnt. Es kam zu Parteiaustritten, aus Protest gegen den «rachsüchtigen Egomanen», der die Partei dominiere. Im Saarland muss man sich nur fünf Minuten zu den Genossen setzen, schon wird man mit Klagen über Intrigen und Gemeinheiten im eigenen Lager überschüttet: Wer gegen Lafontaine giftet, warum einige gegen die einzige Landtagsabgeordnete stänkern - Lafontaines Linke ist keine verschworene Truppe, sondern ein verworrener Haufen.
Aber die Lafontaine-Bewunderer, Leute wie Bauunternehmer Welsch, die kümmert das nicht. «Als Landesverräter» würden manche den Oskar beschimpfen, weiss Welsch. «Ich sage denen: Wer hat da wen verraten? Der Schröder den Oskar!» Und wenn der Oskar dann kommt, wenn er spricht, dann wirken die Leute wie geblendet. In der Fussgängerpassage von Saarbrücken hält er eine kurze Rede. Er ringt die Hände, beginnt tastend. Wenn der Applaus kommt, die Beifallsrufe, geht er zum Stakkato über, steigert das Tempo. Nach 45 Minuten verstopft eine jubelnde Menge die Fussgängerpassage. Lafontaine rät den Rentnern, den Arbeitern und Arbeitslosen, bei der Wahl an sich selbst zu denken, die Versprechen von guten Arbeitsplätzen und höheren Renten zu wählen: «Sieht ja keiner, wo Sie in der Wahlkabine Ihr Kreuz machen!»
Braucht er das Scheinwerferlicht?
Lafontaine vergisst keinen. Auch nicht den Journalisten aus der Schweiz, dem er zuzwinkert, dem er Informationen «im Vertrauen» preisgibt, damit der «versteht, wie es wirklich ist». Tut Lafontaine sich dieses Comeback an, weil er ein Opfer seines Erfolgs im Saarland wurde? Braucht er Scheinwerferlicht, Aufmerksamkeit, Bestätigung? Nicht mehr, behauptet Lafontaine. Zwei Sätze später sagt er: «Haben Sie den Mann eben gesehen? Ein pensionierter Richter. Neulich kam der zu mir und sagte:‹Sie hatten völlig Recht, als Sie vor zehn Jahren die Finanzmarktaufsicht stärken wollten.› Das ist schön, wenn Leute das heute anerkennen.»
Lafontaines Welt ist eine, in der inzwischen alle seine Forderungen übernehmen und als die ihren ausgeben: Der eine Wirtschaftsweise will die Banken verstaatlichen, der zweite forderte eine Vermögenssteuer, der dritte flexible Renten. Lafontaine lacht kurz höhnisch: «Und dann kommt die Presse und wirft nun uns vor, wir hätten in der Krise keine Ideen.»
Er sprichts und nimmt den Wähler in den Arm
Dann wird er unterbrochen. Weil ein Mann ihn unbedingt anfassen muss: «Sie sind ja der Einzige, der noch fürs Soziale steht!» Lafontaine nickt: «Fürs Soziale fehlt angeblich immer das Geld. Aber für Wendelin Wiedeking von Porsche sind 50 Millionen Euro Abfindung da.» Sprichts, nimmt den Wähler in den Arm. Und wieder ein Polaroidbild.
Quelle: Tages-Anzeiger - 21.08.2009 - Von Sascha Buchbinder, Saarbrücken