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22. August 2009

Ein Polit-Popstar will es noch einmal wissen

Oskar Lafontaine kämpft darum, wieder Ministerpräsident des Saarlandes zu werden. Früher, als Oskar Lafontaine noch Ministerpräsident des Saarlandes war, da kamen 10 000 Menschen in die Saarbrücker Saarlandhalle, um ihn zu sehen und zu hören. Früher, als Lafontaine noch für die SPD die Wahlen an der Saar gewonnen hat. Jetzt, bei der LINKEN, geht es familiärer zu. Zum Wahlkampf-Auftakt in der Saarbrücker Innenstadt kamen 500 Menschen.

Die LINKE setzt ganz auf ihren Frontmann Lafontaine. Und auf den direkten Kontakt zwischen ihm und den Wählern. So reist der Spitzenkandidat seit Monaten quer durch das Land – von einem Volksfest zum nächsten Infostand und immer wieder zu Diskussionsrunden mit seinen Gegnern. Der Wahlkampf ist Schwerstarbeit. Warum tut Lafontaine sich das an? Er, der schon Ministerpräsident war, fast 14 Jahre lang. Der in Berlin genug zu tun hat, als Bundesvorsitzender einer Partei, die auch im Bundestagswahlkampf steht.

Auch mit einer eigenen Partei erfolgreich?

Dass Lafontaine seinen Hut wieder in den Ring wirft, hat mehrere Gründe. Zum einen ist die LINKE an der Saar vor allem seinetwegen so stark. 18,5 Prozent hat die Partei hier bei der Bundestagswahl geholt – so viel wie sonst nirgendwo im Westen Deutschlands. Viele Saarländer sind einfach stolz darauf, dass einer der ihren es mit denen »im Reich« – also den restlichen Deutschen – aufnimmt. Ein so kleines Bundesland hat ja nicht allzu viele Aushängeschilder – und seit Lafontaine weiß wenigstens die Mehrheit der Deutschen, wo das Saarland liegt und dass es ein deutsches Bundesland ist, in dem man nicht französisch spricht.

Es gibt Saarländer, die sind überzeugt, dass Lafontaine an der Saar auch mit einer ganz anderen Partei – vielleicht sogar mit einer eigenen Lafontaine-Partei – um die zehn Prozent holen könnte. Kein Wunder also, dass die LINKE sich ganz auf ihn konzentriert. Und auch für ihn ist das Saarland Chefsache: Dann etwa, wenn er als Bundesvorsitzender höchstpersönlich den Kandidaten für das Amt des Saarbrücker Regionalverbands-Direktors – eine Art Landrat – aussucht und vorstellt.

Lafontaine will keine Fehler machen. Sein Landesverband soll deshalb besonders professionell wirken. Das zeigt auch die Truppe, die er sich dafür ausgesucht hat. Sein Wirtschaftsminister-Kandidat Heinz Bierbaum etwa ist Wirtschafts-Professor an der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft, außerdem Leiter des INFO-Instituts, das etwa Betriebsräte berät und Arbeitsmarktforschung betreibt. Ein Fachmann also – ganz im Gegensatz zum amtierenden CDU-Wirtschaftsminister Joachim Rippel, der früher Lehrer für Deutsch und Geschichte war. Oder zum SPD-Ministerkandidaten Rainer Knauber, einem gelernten Journalisten.

Platz drei der Landesliste belegt Barbara Spaniol, bisher einzige LINKE im Landtag. Ihr Übertritt von den Grünen ist auch so ein Coup Lafontaines – und mit ein Grund dafür, dass sein Verhältnis zum Grünen-Chef Hubert Ulrich belastet ist. Außerdem war Lafontaine immer auch ein Aushängeschild der Umwelt- und Friedensbewegung, er machte 1985 den Ökoaktivisten Jo Leinen zum Umweltminister und schrieb den Atomausstieg ins SPD-Programm – die Grünen dagegen schafften es lange nicht in den Landtag.

Rolf Linsler ist Chef der LINKEN im Saarland. Der ehemalige saarländische ver.di-Chef und der Ministerpräsidenten-Kandidat kennen sich seit Jahrzehnten. Während Lafontaines Amtszeit als Landesvater saß er »auf der Arbeitgeberseite, ich auf der Arbeitnehmerseite. Aber wir haben uns immer in die Augen sehen können und haben immer miteinander geredet – haben allerdings knallhart miteinander verhandelt«, sagt Linsler heute.

Lafontaines jetziges Engagement hat noch einen anderen Grund: Dass seit zehn Jahren der Christdemokrat Peter Müller das Land mit absoluter Mehrheit regiert, ist dem LINKE-Chef nicht nur ein Dorn im Auge. Er gibt sich selbst wohl auch ein wenig die Schuld dafür. Als Müller 1999 die Wende schaffte, da fuhren jubelnde Junge-Union-Aktivisten noch in der Wahlnacht zu Lafontaines Haus in Saarbrücken und skandierten: »Danke!« Schließlich war der SPD-Chef und Bundesfinanzminister nur kurz vorher von seinen Ämtern zurückgetreten. Einige auch unter den Sozialdemokraten gaben ihm deshalb Mitschuld an der Wahlschlappe.

Ein Akt der Wiedergutmachung

Vor fünf Jahren hat Lafontaine deshalb wieder mitgemischt und den SPD-Spitzenkandidaten Heiko Maas im Wahlkampf unterstützt. Doch kurz vor der Landtagswahl dachte er in einem Zeitungsinterview laut über eine neue Linkspartei nach. Maas fühlte sich betrogen, die SPD verlor deutlich Stimmen. Wenn Lafontaine nun durchs Land tourt und unermüdlich dafür kämpft, dass die Christdemokraten abgelöst werden, dann ist das wohl auch sein ganz persönlicher Kampf um Wiedergutmachung.

Gleichzeitig ist »der Oskar«, wie sie ihn hier nennen, aber auch viel heimatverbundener als man glaubt. Immer wieder hat er zwar um seinen Platz in der Bundespolitik gekämpft – immer wieder hatte er aber auch Zweifel, ob er das Saarland wirklich verlassen sollte. Vor seiner Kanzlerkandidatur 1990 – so erzählen Bekannte – hat er wiederholt gefragt, ob er es wirklich wagen soll. Hat gezögert. Nach der Bundestagswahl hat er dann das Angebot abgelehnt, SPD-Vorsitzender zu werden. Und einige erzählen, dass er auch in seiner Zeit als Finanzminister so oft wie möglich heim an die Saar gefahren ist. Darin ähnelt er übrigens seinem Gegenkandidaten Müller. Auch der versucht ja seit Jahren, bundespolitisch auf sich aufmerksam zu machen – und wollte 2005 doch nicht Minister in Merkels Kabinett im fernen Berlin werden.

Lafontaine ist ein Politiker, der polarisiert. Den man lieben oder hassen kann – nur kalt lässt er keinen. Im Saarland ist das nicht anders. Allerdings nimmt man es ihm hier nicht übel, dass er gerne die schönen Seiten des Lebens genießt. Immerhin praktiziert der normale Saarländer selbst gern das »Saarvoir vivre«, das französisch angehauchte Lebensgefühl. Hanseatisch kühle Redakteure des »Spiegel« werden das wohl nie verstehen. Hier im kleinen Saarland, wo jeder jeden kennt, kann Lafontaine auch ganz entspannt durch Fußgängerzonen laufen, ohne gleich von Presse und Schaulustigen bestürmt zu werden. Und hier im Saarland hat er viele alte Freunde. Einige Freundschaften haben zwar unter seinem Parteiwechsel gelitten – etwa die zu seinem langjährigen Kumpel und Nachfolger im Ministerpräsidentenamt Reinhard Klimmt. Viele andere haben aber überdauert.

Wahlkampf im Saarland, das ist ein Heimspiel für Lafontaine. Und dass die Menschen ihm hier wohlgesinnter sind als im Rest der Republik – wenn sie nicht gerade zu den Konservativen und Neoliberalen zählen –, sich viele sogar durchaus vorstellen können, dass er wieder das Land regiert, das hat natürlich viel mit seiner Vergangenheit zu tun.

Wirklich etwas vorzuweisen

»Er war zwölf Jahre Oberbürgermeister von Saarbrücken, 14 Jahre Ministerpräsident, und er hat ja wirklich etwas vorzuweisen«, meint LINKE-Landeschef Linsler. »Als Oberbürgermeister hat er Saarbrücken in der Republik bekannt gemacht, hat Saarbrücken sozialer gemacht, hat dafür gesorgt, dass die Altstadt saniert worden ist.« Als Regierungschef dann habe er viele Leitinvestitionen ins Land geholt, »beispielsweise dass der Saarkanal gebaut wird oder dass die ICE-Schnellverbindung Paris-Saarbrücken-Frankfurt kommt. Er hat dafür gesorgt, dass sich Firmen ansiedeln können, etwa der Autozulieferer ZF in Saarbrücken – jetzt ist da ein Werk, das 5000 Leute beschäftigt und ausgelastet ist.«

Selbst sein einstiger Rivale, Alt-Kanzler Gerhard Schröder, gibt ja zu, nie wieder einen so begabten politischen Menschen kennengelernt zu haben wie ihn, Lafontaine. Und hier im Saarland, auch das ist klar, ist er mit Abstand das größte Talent weit und breit. Genau das hat bei den politischen Konkurrenten stets für Verbitterung gesorgt – denn im Vergleich zu ihm wirken die meisten wie Vertreter der tiefsten politischen Provinz.

Lafontaine muss nicht Ministerpräsident werden. Als Chef der LINKEN kann er zufrieden sein, wenn seine Partei rund einen Monat vor der Bundestagswahl im tiefsten Westen klar und deutlich drittstärkste Kraft wird. »20 Prozent plus x« wären natürlich schön. Eine rot-rote Koalition das i-Tüpfelchen. Der Privatmann Lafontaine wird aber wohl erst zufrieden sein, wenn Peter Müllers Christdemokraten wirklich von der Regierungsbank vertrieben sind.

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Es ist ein hochsommerlicher Freitag in Saarbrücken- Burbach. Rund 800 Saarländer sind zum Waldweiher gekommen, zum Sommerfest der Linksfraktion im Bundestag. Sie sind aber vor allem wegen einer Person gekommen: Oskar Lafontaine. Seine Rede wird immer wieder von lautstarkem Beifall und »Oskar«-Rufen unterbrochen. Und nach der Rede zieht der Mann, der wieder saarländischer Ministerpräsident werden will, mit einer Polaroid-Kamera durch die Menge. Wer will, kann sich mit Lafontaine fotografieren lassen – und es wollen viele. Ein Politiker mit Popstar-Qualitäten?

Quelle: Neues Deutschland, Martin Sommer, www.nd-online.de