Die SZ begleitet die saarländischen Spitzenkandidaten der Parteien beim Wahlkampf. Heute: Einen Tag in der Landeshauptstadt auf Tour mit dem Bundesvorsitzenden der Linkspartei, Oskar Lafontaine. Von SZ-Redakteurin Sabine Schorr.
Saarbrücken. Im schwarzen Anzug betritt er mittags das Gasthaus Zahm am St. Johanner Markt. Nicht die ideale Bekleidung für einen so heißen Sommertag. Doch Oskar Lafontaine kommt gerade von einer Beerdigung. Ein nicht planbarer Termin in der Hochphase des Landtagswahlkampfs. Zum Kleiderwechsel bleibt da nicht immer Zeit. Felicitas Frischmuth wurde vormittags in St. Wendel zu Grabe getragen. Eine „etwas andere Beerdigung“ sei es gewesen, erzählt Lafontaine, den es ein wenig ärgert, dass „kein Offizieller der Stadt St. Wendel und der Landesregierung“ beim Abschied von einer „so bedeutenden Dichterin“ dabei war.
Dabei war aber die saarländische Kulturszene. Autoren wie Ludwig Harig und Fred Oberhauser lasen aus dem Werk von „Fee“, wie die Lyrikerin von Familie und Freunden genannt wurde. „Ich war mit ihr befreundet“, sagt Lafontaine.
Im Nebenzimmer des Saarbrücker Wirtshauses ist es eng. Ein Journalist beklagt sich, weil ihm ein Kameramann die Sicht auf den Parteichef der Linken versperrt. Zur Pressekonferenz, zu der die Linke an der Saar eingeladen hatte, sind auch Vertreter überregionaler Medien gekommen. Was wohl weniger mit dem Thema – den Überlegungen der Linkspartei zum öffentlichen Beschäftigungssektor im Saarland – zu tun hat, als vielmehr mit der Anziehungskraft des Spitzenkandidaten. Und so sind es weniger die wirtschaftspolitischen Vorschläge der Linken, die interessieren, als vielmehr die Fragen zur Person Lafontaine.
Natürlich würde er auch Ministerpräsident werden wollen, sollte die Linke in einer rot-roten Koalition im Saarland stärker sein als die SPD, bekräftigt Lafontaine auf die Frage einer Journalistin. Nach den aktuellen Umfragen ist dies zwar wenig realistisch. Aber man kann nie wissen. Umfragen hätten die Linke schon öfter zu niedrig bewertet, meint der Bundesvorsitzende. Sollte es mit dem Amt des Regierungschefs nichts werden, „dann bin ich hier weiter politisch aktiv und setze meine Arbeit in Berlin fort“,sagt er.
Vor dem Interview mit Redakteuren der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schnell den schwarzen Blazer aus. Und wenig später wieder an. Denn eine Fotografin zückt die Kamera, und „so hemdsärmelig“ möchte der Politiker nicht aufs Bild. Der Weinliebhaber bestellt einen Auxerrois. Freundlich, gelassen beantwortet er die Fragen, auch Provokantes kontert der Politprofi routiniert: Eigene Fehler eingestehen? „Ich will keine Beichte ablegen“, entgegnet der 65-Jährige mit spöttischem Grinsen. Und ja, im Grunde sei er konservativ. „Ich will bewahren“ – die Demokratie zum Beispiel, sagt er. Nur einmal bockt Lafontaine: Als der FAZ-Redakteur wissen will, ob die DDR denn ein Unrechtsstaat gewesen sei. „Wie war noch mal Ihr Name?“, fragt er den Interviewer, reckt das Kinn noch etwas höher und möchte genervt zu „politischen Inhalten“ zurückkehren. Gewohnte Selbstsicherheit aber wieder bei der Frage nach dem „Phänomen Lafontaine“, in einigen Medien auch „Oskar-Effekt“ genannt. Warum er denn außerhalb des Saarlandes viel kritischer gesehen werde als in seiner Heimat, wo ihn manche wie einen Popstar feiern? Nun, das sei ein Medienphänomen, erklärt der Polarisierer den FAZ-Reportern. „Dort, wo mich die Menschen kennen, ist das Urteil ein anderes“ – als in den Medien.
Wie zum Beweis macht er sich auf zu einem Rundgang durchs Saarbrücker Stadtzentrum. Die ersten, die ihn begeistert begrüßen, sind allerdings keine Saarländer, sondern Mitglieder einer Reisegruppe aus Freiburg. „Do isch jo de Oskar“, ruft einer und schon ist der Angesprochene umringt und verteilt Autogramme. Eine Mitarbeiterin ist beim Lafontaine’schen Straßenwahlkampf („ich setze auf die Begegnung“) stets mit gezückter Polaroid-Kamera an seiner Seite. So ein Foto mit dem Linken-Promi, das dieser auch noch mit seinem Autogramm versieht, scheint anzukommen. „Wir haben neulich im Deutsch- Französischen Garten in eineinhalb Stunden 260 Bilder gemacht“, erzählt seine Assistentin stolz.
„Grüß dich, Oskar.“ Schon wieder streckt sich ihm eine Hand entgegen. „Meine Stimme hast du“, sagt der Rentner. Ob Freund oder Feind, die Aufmerksamkeit der Passanten und Gäste in den Straßencafés ist ihm gewiss. Einige schauen erstaunt und wenden den Blick rasch ab, andere lächeln verlegen, trauen sich nicht, den Wahlkämpfer anzusprechen. Das Problem hat Jan nicht. Der 14-Jährige aus Großrosseln strahlt den Politiker glücklich an. „Ich bin ein großer Fan von Ihnen“, stößt er hervor, und „ich möchte gern bei der Linksjugend mitmachen.“ Kein Problem. Der Teenager wird mit einer Adresse versorgt. Ebenso der Mitarbeiter vom städtischen Reinigungsdienst, der sich als Wahlhelfer anbietet.
„Schreib drauf ,für Erika’, das Foto ist für die Schwiegermutter“, sagt ein Saarbrücker, der mit seiner Ehefrau einen Einkaufsbummel macht. „Ich habe ein Interview mit dir im Fernsehen gesehen. Fand ich super, wie du auf dumme Fragen geantwortet hast“, lobt der Mann. „Das muss an“, sagt Lafontaine lässig, „die mache sonschd mit dir de Flabbes.“
Lafontaine lächelt, plaudert, schüttelt Hände, klopft jovial Schultern, beschriftet Polaroid- Fotos. Nicht nur gebürtige Saarländer sind mit ihm darauf zu sehen, auch Griechen, Iraker, Marokkaner oder Italiener. Und auch so mancher alte Bekannte, der den 65-Jährigen aus seinen Tagen als Saarbrücker Oberbürgermeister und als Landesvater kennt. Lafontaine wirkt ganz entspannt. Hier auf der Straße hält er keine politischen Reden, muss keine verbalen Angriffe abwehren, nur freundlicher Smalltalk ist gefragt. „Ich drück’ die Daumen“ und „viel Glück für die Wahl“ rufen viele nach der Begegnung und schauen ihm lächelnd hinterher. Offenbar der „Oskar-Effekt“.
Quelle: Saarbrücker Zeitung, 24. August 2009, www.sz-online.de